
Eine Überraschung am Morgen
Der Wecker klingelt um 5:30 und kurz darauf ertönt eine Ansage aus den Lautsprechern der Kabine, dass wir in einer Stunde anlanden werden. Wir ahnen noch nicht, dass heute der längste Tag unserer Reise werden wird. Lu berichtet mir von ihrer gestrigen Recherche. Unsere Tour wird weit anstrengender, als wir es uns uns womöglich ausgemalt haben. Von Berlin, über Hamburg bis nach Hirtshals waren es knapp über 1000 km. Laut Google wären es etwa 850 km gewesen, aber unsere Route verlief etwas anders, als Google es gezeichnet hatte und wir sind über Komoot verschiedenen Rad-Routen gefolgt. Laut Google sollen es auf unserer Strecke nach Hirtshals gut 2000 Höhenmeter gewesen sein, die wir überwunden haben. Die Strecke Stavanger nach Kristiansand sind etwa 350 km, aber knapp 5000 Höhenmeter. Das ist etwas mehr, als das 7,5-fache gegenüber unseren ersten 1000 km. Lu ist verunsichert, ob wir das schaffen. Ich bleibe blauäugig und bin guter Dinge.
Wir stehen auf, packen die letzten Sachen zusammen und wecken und wickeln dann die Kinder. Anschließend geht es nochmal ein Deck nach unten, wo wir uns einen Kaffee zum Mitnehmen holen. Wir hatten die Hände schon voll. Jetzt sind sie richtig voll. Kinder, Taschen, Kaffee. Mit dem Fahrstuhl geht es runter. Wir sind allerdings nicht 100%ig sicher, in welche Etage wir fahren müssen. Wir fahren in die dritte und liegen damit glücklicherweise richtig. Zwischen den LKWs und Bussen müssen wir uns erstmal zurecht finden. Lu geht an einer Stelle voraus und guckt, ob wir richtig sind. Dann holt sie uns ab und wir fangen an, die Taschen wieder an mein Fahrrad zu bauen, die Kinder mit Helmen auszustatten, in den Anhänger zu setzen und mit einem Frühstückssnack zu versorgen. Würstchen im Schlafrock. Die lieben die Kinder aktuell.
Übermüdete Euphorie zum Start in Norwegen
Wir fahren von der Fähre. Lu hat ihren Kaffee schon ausgetrunken und ich muss meinen Becher noch irgendwie verstauen. Ich freue mich wie ein Kind, als ich einen meiner Sattelstützen-Getränkehalter dafür nutzen kann. Die Halter waren früher an meiner Gabel verbaut und lagen zu Hause seit zwei Jahren nur herum, weil ich zur ersten Elternzeitreise, mit der Großen, uns vorne Gepäckträger montiert hatte. Ich bin vorher noch nie darauf gekommen sie unter dem Sattel zu verbauen. Wenn ich im Sitzen ein Bein ganz ausstrecke, dann stören sie etwas, aber ansonsten sind sie unauffällig. Die beiden 1 L Flaschen sind immer gut erreichbar, bleiben sauber und nutzen ungenutzten Platz am Fahrrad. Die

Wir satteln auf und es beginnt ein Tag mit viel Lachen und Herumgeulke. Wir lachen über Kleinigkeiten und sind hochmotiviert.
Norwegen ist nicht komplett anders, als Deutschland oder Dänemark, aber in vielen Details anders genug, als dass wir den Unterschied merken. Wir saugen die neue Umgebung und ihre Atmosphäre auf und erfreuen uns an Details, wie Warnschilder, die Neongelb sind, wo unsere Schilder weiß sind. Kartoffeln heißen hier Potet und nicht Kartofler, wie in Dänemark. Viele Häuser haben einen für uns amerikanisch anmutenden Baustil. Das Gelände ist uneben und an vielen Stellen schaut der felsige Untergrund aus den Wiesen und Grundstücksböden. Es geht ständig bergauf und bergab und in der Ferne können wir eine bergige Landschaft sehen.
Früher Start, spätes Frühstück

Wir fahren ein Stück und da Regen bevorsteht, suchen wir uns einen Unterstand. Wir halten unter einer Unterführung. Dort gibt es für alle etwas zu Snacken. Für Lu und mich ist es das Frühstück: Fisch aus der Dose, altes Brot, Obst und Tomaten. Als der Regen vorbei ist, geht es für uns weiter den Nordseeküstenradweg entlang. Zum Auffüllen unserer Wasservorräte halten wir an einem Friedhof.

Spielplatz (nicht) in Sicht
Wir wollen für die Pause einen Spielplatz für die Kinder finden. Leider gestaltet sich die Suche nach dem ersten Spielplatz in Norwegen schwieriger, als gedacht. Der erste gehört zu einer Schule und wir dürfen uns hier nicht aufhalten. Es gab keine Begrenzung, wie Zäune oder Ähnliches und es war ein sehr großes Areal mit diversen Spielmöglichkeiten. Als ich mit der Kleinen auf dem Arm über das Gelände laufe, kommt eine Ordnerin auf mich zu und fragt, wen ich suche. Sie kann uns leider nicht mit der Spielplatzsuche weiterhelfen, aber wir können hier eben auch nicht bleiben. Also suchen wir auf die Schnelle einen weiteren Spielplatz über Google Maps heraus. Die Kinder nach so kurzer Zeit wieder in den Anhänger zu bekommen, ist eine ganz andere Herausforderung. Sie haben heute schon lange darin gesessen und jetzt dürfen sie nur so kurz raus? Nicht fair! Es ist nicht leicht, aber wir bekommen es nach einiger Zeit hin.
Es geht weiter zu einem weiteren Google Maps Fund. Nur wenige hundert Meter entfernt. Allerdings stellt sich schnell heraus, dass dieser Spielplatz den Baucontainern einer großen Baustelle weichen musste. Diesmal kam es gar nicht dazu, dass wir die Kinder aus dem Anhänger holen. Google Maps Suche: noch ein Spielplatz. Wir müssen nur über eine Straßenkreuzung, uns von einer älteren Frau auf ihrem Scooter für 10-15 Sekunden mit einer Dauerhupe beschallen lassen – weil wir kurz im Weg standen – und uns schließlich eine steile Straße hochkämpfen. Schon stehen wir vor einem Privatgelände, auf dessen Hof der Spielplatz ist. Privat … egal, wir bleiben jetzt hier. Es gibt zwei Schaukeln, eine Wippe und ein kleines Klettergerüst und eigentlich ist die Große die meiste Zeit auf der Schaukel. Die Kleine krabbelt und läuft an der Hand und zwischendurch wippen die Kinder zusammen. Die Kleine muss dabei noch gehalten werden, aber beiden macht es sichtlich Spaß.
Pause, Pizza, Pladderregen

Wir machen schon recht lange Pause, aber jetzt kommt der Hunger. Wer hätte das ahnen können. Zeitlich hätte es wohl besser laufen können, aber es ist, wie es ist. Wir haben es ja nicht eilig. Wir schauen, was es in der Gegend zu essen gibt und die Wahl fällt auf ein Pizza Bakkeren. Ich gehe mit der Großen Pizza holen, während Lu die Kleine schlafend auf dem Arm hat. Als wir wiederkommen, hat sich der bereits zugezogene Himmel noch etwas verdunkelt und es fallen die ersten Tropfen. Nichts, was uns verscheuchen würde. Wir können die Pizza noch in Ruhe essen und anschließend gehe ich mit der Großen noch zum Kiwi Markt, Getränke holen und die Personaltoilette benutzen. Der Markt ist direkt nebenan und als wir wieder aus der Tür kommen, kommen wir schon in den Regen. Schnell wieder zu Lu und unterstellen. Bevor wir zum Markt gegangen sind, hatte ich zum Glück alles an unseren Rädern regensicher gemacht, weil Lu mit der Kleinen auf dem Arm nichts hätte unternehmen können. Wir stellen uns an einem Hauseingang unter und Lu fallen bald die Arme ab. Sie hält die Kleine die ganze Zeit im Wiegegriff. Zum Glück ist die Große so laut, dass die Kleine wach wird …
Der längste Tag der Tour
Als der Regen nachlässt, werden die Kinder gewickelt und es geht weiter. Es ist schon 15 Uhr und wir sind seit 5:30 Uhr wach. Ich hatte vorgeschlagen, dass wir, durch die zeitliche Verschiebung, die wir durch die Fähre haben, unseren Tagesablauf 2-3 Stunden nach vorne verlegen. Das würde heißen, dass wir so langsam einen Schlafplatz suchen müssten, damit wir gegen 16/16:30 einen Platz haben. Um kurz vor 18:00 haben noch immer keinen Platz gefunden. Aber dazu gleich mehr.
Die Hängebrücke
Wir kommen an eine Brücke, die wir nicht auf dem Schirm hatten. Es ist eine kleine Hängebrücke mit drei Segmenten. Sie hängt über einem Fluss, der recht viel Wasser trägt. Ich zweifle daran, dass wir über diese Brücke fahren sollten. Sie ist wackelig und schmal, der Anhänger ist breit und vor allem ist das ganze Fahrradgespann schwer und unhandlich. Lu dagegen ist sehr zuversichtlich. Eigentlich ist sie eher die risikoaverse von uns beiden. Wenn Lu sagt, dass das klappt, dann muss da was dran sein. Ich vertraue ihr, werde aber das mulmige Gefühl nicht ganz los.

Zuerst testet Lu wie sehr die Brücke wackelt und dann schauen wir vorsichtig, ob die Spurbreite des Anhängers ein Problem ist. Wenn die Reifen weiter auseinander sind, als die Brücke breit ist, dann können wir es knicken. Aber es passt. Mit genügend Luft. Wir schieben das Gespann gemeinsam über die Brücke. Zum einen achtet Lu hinten auf die Spur des Anhängers, damit wir nicht plötzlich auf einer Seite von der Brücke fahren, zum anderen schiebt sie, weil es bei einer Hängebrücke auch ab der Mitte immer bergauf geht. Anhänger und Fahrrad wiegen zusammen rund 100 kg und das machen wir besser gemeinsam. Wir schaffen es über die Brücke und schon erwartet uns die Nächste Herausforderung. Es geht über einen schmalen Trampelpfad diagonal an einem mit Wiese bewachsenen Hang hoch. Das Fahrrad rollt in dem ausgetretenem Pfad, ich laufe auf der Kante neben dem Pfad und was Lu und die beiden Räder des Anhängers machen, kann ich nur ahnen. Am Ende haben wir es aber geschafft und ich bin heilfroh. Ich mag mir gar nicht ausmalen, was alles hätte passieren können.

Lu holt jetzt noch ihr Fahrrad und es kann weitergehen.
Jackpot bei der Schlafplatzsuche
Wir versuchen es an einer Art Freilichtmuseum, weil wir dort Wiese sehen und ein Auto geparkt steht. Aber wir haben kein Glück. In der Nähe ist ein sehr kleines Stück Wald mit einem See in der Mitte. Wir rollen hin und Lu fährt die letzten Meter zum See. Alles sumpfig und auch nicht genug Platz für unser Zelt.
Eine Frau war mit ihrem Hund an mir vorbeigelaufen, als ich mich den Kindern auf Lu gewartet habe. Ich war nicht geistesgegenwärtig genug, um zu fragen, ob sie uns einen Tipp geben kann. Als Lu wiederkommt, erzähle ich von der Frau und wir radeln ihr schnell hinterher. Und wir haben extra-Glück: sie bietet uns an, bei ihr im Vorgarten zu schlafen. Wir nehmen dankend an. Die erste Nacht in Norwegen direkt bei Locals. Das fängt doch schon mal gut an!
Sie gibt uns die Adresse und wir treffen sie dort wieder. Im Vorgarten wartet eine Nestschaukel und eine normale Schaukel, beide an einem Baum und eine schöne Wiese, auf der wir unser Zelt aufstellen. Außerdem, als erstes Highlight für die Kinder: zwei Pferde. Zwar können wir sie nur ansehen, aber die Kinder freuen sich riesig. Darüberhinaus freut sich die Kleine über eine kleine Hundefigur aus Porzellan, an der sie immer wieder vorbeiläuft (an der Hand von einem von uns) und sie streicheln muss. Dabei quietscht sie jedes Mal vergnügt.
Die Gastgeberin bietet uns noch an, dass wir die Toilette und die Dusche im Keller benutzen können und sie sagt, sie lässt uns die Tür bis 23 Uhr offen. Man schließt hier also ab, denke ich mir. Wir haben schon Orte bereist, wo weder Haus noch Auto angeschlossen werden. Die Dusche lassen wir jedenfalls aus, da wir gerade erst auf der Fähre geduscht haben.
Gute Nacht
Heutige Fahrbilanz: 52 km, 4:20 h in Sattel
















